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Märchen, erwürfelt. Eine Vermittlungsidee für den Grundschulunterricht

Wenn sich die (seltene) Gelegenheit bietet, dann begleite ich den Lehr- und Lernalltag auch außerhalb der Hochschule. Heute hatte ich dazu die Möglichkeit: Mit einer kleinen Idee durfte ich an einer Grundschule das Thema „Märchen“ mitgestalten und einführen. Wie habe ich das gemacht?

Märchenelemente, Sammlung

Zuerst haben wir gemeinsam im Gespräch Märchen gesammelt, die ich nach Kunst- und Volksmärchen ordnete. In einem zweiten Schritt sammelten wir typisches Personal, Inventar, Orte und Zahlen und beschrieben typische sprachliche Elemente (Eingang: „Es war einmal …“, Abschluss: „… und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“, sprachliche Wiederholungen und Muster bis zu Versen und ritualisiert wiederholten Strophen: „Spieglein, Spieglein, an der Wand …“) sowie den Spannungsbogen, der (meist) das Gute über das Böse triumphieren lässt — mein Tafelbild dient vor allem mir zur Orientierung und Hilfestellung; meine Handschrift taugt nicht zur Vermittlung in einer Grundschule. Im letzten Schritt wählten wir aus den vier Kategorien je bis zu sechs Elemente aus und gestalteten vier Würfel für Personal, Inventar, Orte und Zahlen. Gemeinsam haben wir dann dieses — etwas spezielle — Märchen erwürfelt (die Begriffe habe ich hervorgehoben):

Die Krone im Brunnen (Erstfassung)

Es war einmal eine gute Fee, die eines Tages an einer Dornenhecke entlangspazierte. Da sprang ein böser Wolf auf sie zu und sagte: „Bring mir die goldene Krone, bis der Morgen graut. Sonst fresse ich Dich“. Die gute Fee erschrak und fragte: „Wo finde ich die goldene Krone?“ Und der Wolf sagte: „Im Hexenhaus, 7 x 7 Tage von hier.“ Die Fee begab sich auf die Reise und kam an einem Schloss vorbei in einen tiefen, dunklen Wald. Sie fürchtete sich sehr. Unverhofft traf sie den Prinzen, der auf der Jagd war. Sie fragte ihn, ob er wisse, wo das Hexenhaus sei. Und er antwortete: „Du muss noch 6 x 7 Tage den Wald durchqueren und dann wirst Du beim Hexenhaus sein. Doch hüte Dich, die Hexe ist gefährlich.“ Bald darauf traf sie die Stiefmutter des Prinzen. Auch sie fragte die Fee, wie sie zum Hexenhaus komme. „5 x 7 Tage musst Du noch gehen, dann wirst Du beim Hexenhaus sein. Doch sage mir: Bist Du dem Prinzen begegnet? Ich will ihn endlich verheiraten.“ Die gute Fee sagte: „Nein, den habe ich nicht gesehen“. Am nächsten Tag sah sie auf einmal die Hexe durch den Wald schleichen. Sie versteckte sich, doch die Hexe fragte 3 Mal: „Wer ist hier? Ich höre Dich!“ Die Fee versuchte, keinen Laut von sich zu geben. Da fragte die Hexe wieder 3 Mal, während sie sich umschaute: „Wer ist hier? Ich höre Dich!“ Die Fee machte keine Bewegung mehr. Und die Hexe fragte noch 12 Mal. Beim letzten Mal trat die Fee auf einen Zweig und die Hexe fuhr herum und kam auf sie zu. „Ich höre Dich. Ich sehe Dich. Wer bist Du? Was suchst Du?“ Die Fee log: „Einen besonderen Apfel„. Und die Hexe sprach: „Das glaube ich Dir nicht. Sag‘ die Wahrheit!“ Und die Fee log ein zweites Mal: „Du hast Recht, ich habe mich vor Dir gefürchtet. Ich suche eine besondere Rose„. „Die will ich Dir zeigen“, sprach die Hexe. „Ich habe sie in meinem Haus. Komm nur mit, ich werde sie Dir geben. Du musst nur in meinen Brunnen hinabsteigen.“ Gemeinsam gingen sie immer tiefer in den Wald hinein, bis sie schließlich am Haus der Hexe ankamen. „Nun, schau nur hinein in den Brunnen. Dort wirst Du die Rose sehen“, sprach die Hexe. Obwohl es ihr unheimlich war, beugte sich die Fee über den Brunnenrand. Die Hexe trat an sie heran und stieß sie hinein: „Das hast Du davon, wenn Du in meinen Wald kommst und mich belügst“, rief sie ihr hinterher. Doch am Boden des Brunnens fand die Fee die goldene Krone. Was die Hexe nicht wusste, war, dass die Fee sich in höchster Gefahr an andere Orte wünschen konnte. Das tat sie nun und wünschte sich in den Wald zurück, weit, weit weg vom Hexenhaus. Mit der Krone eilte sie durch den Wald, am Schloss vorbei zurück zum Wolf, der noch immer an der Dornenhecke wartete. Sie gab ihm die Krone und er ließ die Fee in Frieden ziehen.

Mit Märchenwürfeln zu arbeiten, heißt nicht, dass man zwangsläufig ein Klassikermärchen oder gar in sich schlüssige und logische Geschichten hervorbringen kann. Aber das trifft auf einen Großteil der Texte zu, die die Grimms in den KHM versammelt haben. Insofern ist das (Kunst-)Märchen Die Krone im Brunnen im ersten Entwurf in guter Gesellschaft. Unabhängig davon ist es eine gute und variable Möglichkeit, die Strukturiertheit der ‚einfachen Formen‘ zu vermitteln und im Erzählen erfahrbar zu machen.

Man kann nun noch einen Schritt weitergehen und auch noch die Überarbeitungspraxen der Märchensammler Brentano und der Grimms am Beispiel vorführen. Deshalb habe ich die Artefakte und das Personal integriert, das in der Erarbeitung genannt wurde und auf dem Würfel schlicht keinen Platz mehr fand. So kann man nach der Erstfassung eine Zweitfassung entwerfen, das den bekannten Märchen in den KHM sehr nahe steht. Solche Umarbeitungspraxen gehörten für die Märchensammler dazu — in der Urfassung von Hänsel und Gretel (1810) etwa hatten die Kinder keine Namen, die bekamen sie erst 1812 neben anderen kleinen Änderungen. So können Kinder auch erkennen, dass es mit der ‚Ursprünglichkeit‘ von Märchen so eine Sache ist.

Die Krone im Brunnen (Zweitfassung)

Es war einmal ein armes Mädchen, das jeden Tag an einer verwunschenen Dornenhecke vorüberlief. Solange sie hier vorbeikam, blühte die Hecke nicht — das war dieses Mal anders und das Mädchen wunderte sich sehr. Auf einmal hörte es eine Stimme sagen: „Wenn Du mir hilfst, wird es Dein Schade nicht sein.“ Das Mädchen ging ein Stück weiter, weil es niemanden entdecken konnte, und da sagte es wieder: „Wenn Du mir hilfst, wird es Dein Schade nicht sein“. Es schaute genauer und entdeckte tief im Dunkel einen Zwerg, der sich in den Dornen verfangen hatte. Zunächst fürchtete es sich sehr, doch dann hatte es Mitleid mit dem Zwerg und half ihm. Zum Dank gab er ihm die schönste Rose und sprach: „Bring die Rose zum Prinzen und zeige sie ihm. Er wird Dich bitten, ihn zu heiraten. Wenn Du das möchtest, dann lauf zum Schloss.“ Das Mädchen besann sich nur kurz und lief zum Schloss. Dort sah es viele Soldaten, viel mehr als sonst, und fragte nach dem Prinzen, aber er war nicht hier, sondern im Wald, wo sich die Soldaten des Landes auf den Kampf gegen den Drachen vorbereiteten, der die Felder und Wälder im Königreich verwüstete. Also lief das Mädchen in den Wald und suchte den Prinzen. Es fand ihn bei seinen Soldaten. Und es zeigte ihm die Rose aus der Dornenhecke. Darauf war er sehr erfreut und sagte: „Ich will Dich heiraten, sobald ich den Drachen besiegt habe, wenn Du magst. Dann kann ich König werden und Du meine Königin. Doch vorher musst Du noch eine goldene Krone finden, die Du tragen sollst. Sie ist tief im Wald versteckt. Doch hüte Dich vor der Hexe, sie beherrscht die dunklen Wälder.“ „Wie weit muss ich gehen?“, fragte das Mädchen. Der Prinz sagte: „Ich weiß nur, dass der Wald 7×7 Tage groß ist“. Das Mädchen machte sich auf den Weg und am nächsten Tag traf es auf die Königin, die sich im Wald aufhielt und geheimnisvolle Kräuter sammelte. Es war die Stiefmutter des Prinzen, die nicht wollte, dass sich der Prinz verheiratete. Denn dann würde er das Königreich erhalten und nicht sie. Davon wusste das Mädchen aber nichts. Und deshalb erzählte es der Königin die ganze Geschichte. Als die Königin wusste, dass der Prinz es heiraten würde, wenn das Mädchen die Krone finden würde, schickte es sie zur bösen Hexe — denn sie wusste, wo die Hexe lebte. Sie sagte: „Du musst diesem Pfad 7 Tage folgen, dann wirst Du die Krone finden.“ Das Mädchen machte sich sofort auf den Weg und geriet immer tiefer und tiefer in den Wald hinein. Am dritten Tag sah es im Wald eine sonderbare Gestalt und erkannte die Hexe, die hier lebte. Es erschrak heftig und versteckte sich. Die Hexe aber hatte es bemerkt. Sie fragte 3 Mal: „Wer ist hier? Ich höre Dich!“ Das Mädchen versuchte, keinen Laut von sich zu geben und hielt sich versteckt. Da fragte die Hexe wieder 3 Mal, während sie sich umschaute: „Wer ist hier? Ich höre Dich!“ Das Mädchen machte keine Bewegung mehr und hielt den Atem an. Doch die Hexe fragte noch 3 Mal. Beim letzten Mal atmete das Mädchen ein, die Hexe fuhr herum und kam auf es zu. „Ich höre Dich. Ich sehe Dich. Wer bist Du? Was suchst Du?“ Der Prinz hatte das Mädchen gewarnt und so dachte es sich, dass es nicht nach der goldenen Krone fragen sollte. „Ich suche einen goldenen Apfel hier im Wald.“ Die Hexe sprach: „Das glaube ich Dir nicht. Sag‘ die Wahrheit!“ Da log das Mädchen ein zweites Mal: „Du hast Recht, ich habe mich vor Dir gefürchtet. Ich suche eine goldene Kugel“. „Auch das glaube ich Dir nicht, sag‘ die Wahrheit!“, sprach die Hexe, die schon bitterböse war. Da sagte das Mädchen vorsichtig: „Verzeih mir bitte, ich suche die goldene Rose.“ „Die will ich Dir zeigen“, sprach da die Hexe auf einmal sehr freundlich. „Ich habe sie bei meinem Haus. Komm nur mit, ich werde sie Dir geben. Du musst nur in meinen Brunnen hinabsteigen und sie heraufholen.“ Gemeinsam gingen sie immer tiefer in den Wald hinein, bis sie schließlich am Haus der Hexe ankamen. „Nun, schau nur hinein in den Brunnen. Dort wirst Du die goldene Rose schon sehen“, sprach die Hexe. Obwohl es ihr sehr unheimlich war, beugte sich das Mädchen über den Brunnenrand. Die Hexe trat an sie heran und stieß sie hinein: „Das hast Du davon, wenn Du in meinen Wald kommst und mich belügst“, rief sie ihm nach und lachte böse. Am Boden des Brunnens fand das Mädchen aber weder einen goldenen Apfel, noch die goldene Kugel oder die Rose, sondern die goldene Krone. Doch wie sollte sie nun aus dem Brunnen herauskommen? Da sprach es zu ihr: „Du hast mir geholfen, es wird Dein Schade nicht sein“. Das Mädchen schaute in die Dunkelheit und erkannte auf einmal den Zwerg, der durch einen winzigen Eingang in den ausgetrockneten Brunnen gekommen war. Er sprach: „Schon lange hüte ich das Geheimnis der goldenen Krone und der Hexe ist es noch nicht gelungen, sie zu nehmen. Da Du mir geholfen hast, sollst Du sie bekommen und Dein Glück finden.“ Er öffnete eine geheime Tür und führte das Mädchen aus dem Brunnen heraus. Es verabschiedete sich und eilte durch den Wald zurück, um nach dem Prinzen zu suchen. Schon von weitem erblickte es die Türme des Schlosses und hörte schließlich auch das Getöse des Kampfes gegen den Drachen. Als der Prinz das Mädchen mit der goldenen Krone in der Hand aus der Ferne sah, fasste er Mut, um mit seinen Männern den Drachen aus dem Königreich zu verjagen — denn nun wusste er, dass er König werden würde. Als der Drache besiegt war, lief er freudestrahlend auf seine Braut zu, umarmte sie und dankte ihr für ihren Mut. Und fragte sie noch einmal, ob sie noch immer seine Königin sein wolle. Sie küsste ihn zur Antwort. Dann zogen alle gemeinsam ins Schloss und feierten — den Sieg über den Drachen, das Hochzeitsfest und das neue Königspaar. Die böse Stiefmutter aber, die nun nie mehr regieren würde, verließ für immer das Land und wurde nie wieder gesehen. Der König und die Königin aber lebten von diesem Tag an glücklich miteinander. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

 

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