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Rezension zu Elisabeth Wehling. 2016. Politisches Framing

Wehling, Elisabeth. 2016. Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Köln: Herbert von Halem Verlag.

Besprochen von Bianca Seidel, TU Dresden.

URN: urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-233966

Die deutsche Linguistin und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling veröffentlichte ihr Buch „Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“ 2016 beim Herbert von Halem Verlag. Wehling ist promovierte Linguistin und forscht und lehrt zurzeit an der kalifornischen Berkeley Universität, wo sie sich mit politischer Werte, Sprach- und Kognitionsforschung befasst. Ihr Werk thematisiert die Verknüpfung von Politik, Meinungsbildung und Sprache. Dem Klappentext der Monografie nach wird es Zeit, „unsere Naivität gegenüber der Bedeutung politischer Sprache abzulegen.“ Mit der vorliegenden Publikation kann nun ein weiterer vertiefender Einblick in die Anwendung kognitionswissenschaftlicher Erkenntnisse gewonnen werden. Der Zeitpunkt des Erscheinens ist vor dem Hintergrund der zunehmenden Etablierung rechter Parteien, dem Wahlerfolg Trumps sowie der Debatte um geflüchtete Menschen aktueller denn je, und hält zudem Erklärungsansätze für diese Themen bereit. So benutze Trump in seinem Wahlkampf gezielt ein dezimiertes Vokabular und nutzt eine primitive Selbstdarstellung, um eine möglichst große Zahl an Wählern zu erreichen. „Das war“, so Wehling in einem Interview mit dem Tagesspiegel „eine strategische Entscheidung“ (Tagesspiegel, 03.02.2017).

Wesentliche Grundidee des Werkes ist die Framesemantik, anhand derer Wehling politische Meinungsbildung erklärt. Frames sind „gedankliche Deutungsrahmen“ (S. 17), die genutzt werden und Fakten eine Bedeutung zuweisen (vgl. S. 17). Sie sind selektiv und lenken unbewusst sowohl unser Denken als auch unser Handeln (vgl. S. 18). Aus dieser Tatsache schlussfolgert Wehling: „Wir denken schon in unserer Sprache, und diese Sprache […] kennt bestimmte Frames“ (S. 15). Schon auf den ersten Seiten wird selbst dem sprachwissenschaftlich nicht affinen Leser bewusst, welche Kraft Worte im öffentlichen Diskurs haben können. Diese Erkenntnis ist jedoch nicht neu. Die Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin Schmid-Petri hinterfragt in ihrer Monografie „Das Framing von Issues in Medien und Politik“, die 2012 erschien, warum Medien und Politik Themen wie die Einführung eines verpflichtenden Religionsunterrichts unterschiedlich darstellen. Wie auch Wehling in ihrem Werk, analysiert Schmid-Petri, welche Frames jeweils verwendet werden, und stellt fest, dass „in der Verarbeitung der Themen […] eine gegenseitige Orientierung und Angleichung aneinander statt[findet].“ (Schmid-Petri, S. 247) In der Textlinguistik und in der Psycholinguistik spricht man schon seit geraumer Zeit von Frames. Linke/ Nussbaumer/ Portmann ziehen unter anderem die Script- und Frametheorie heran, um zu erklären, wie wir Texte verstehen. Sie hinterfragen die „Verbindung von Weltwissen bzw. Handlungswissen mit den in einem Text sprachlich vermittelten Informationen“ (Linke, S. 265). Dabei grenzen sie sprachsystematisches Wissen deutlich von außersprachlichem Wissen ab. Frames sind „Wissensbestände, die eher statisch organisiert sind“ (Linke, S. 266) und bei Scripts handelt es sich um „Wissensbestände, die eher prozessual organisiert sind“ (Linke, S. 266). Wehlings Theorie umfasst jegliche Wissensbestände und sie wünscht sich mehr kritisches Hinterfragen, denn ihrer Meinung nach ist „[b]ewusstes politisches Framing […] eine Überlebensstrategie für unsere Demokratie“ (S. 43).

Nach dem anregenden Vorwort und der Anfangsbetrachtung folgen zwei kompakte Teile, die jeweils in mehrere fortlaufende Kapitel gegliedert sind. Der erste Teil liefert eine fundierte kognitionswissenschaftliche Grundlage über das weite Themenfeld. Teil zwei erläutert anhand aktueller politischer Debatten, welche Auswirkung die Verwendung bestimmter Wörter haben kann und welche Frames aktiviert werden. Der zweite Teil des Buches ist fortlaufend stets im gleichen Muster aufgebaut und erleichtert so das Lesen und Verstehen. Außerdem finden sich hier viele Beispiele mit spannenden und teilweise überraschenden Erkenntnissen. Beide Teile sind klar strukturiert und grenzen sich deutlich voneinander ab. Abschließend findet sich ein knappes Schlusswort und die Literaturangaben. Das Werk richtet sich nicht nur an mit dem Thema vertraute Leser, selbst für Laien handelt es sich hier um eine gut verständliche Lektüre. Dieser Fakt ist nicht zuletzt dem geordneten Aufbau der Kapitel zu verdanken. Wehling leitet spannend in die Themengebiete ein, wirft Fragen auf, die sie beantwortet und am Ende noch einmal zusammenfasst. Es geht nicht um eine ganzheitliche Erklärung, betont Wehling, viel mehr sollen ausgewählte aktuelle Beispiele die Funktion, Bedeutung und Auswirkung von politischem Framing verdeutlichen. Anschauliche, aktuelle Beispiele aus dem deutschen Sprachgebrauch machen die Thematik greifbar und spannend. Selbst abstrakte Begriffe wie „Steueroase“ werden dadurch fassbar und für jeden verständlich. Wehlings Sprache wirkt ungezwungen und locker. Überwiegend verwendet Wehling einen einfachen Schreibstil, der dem Inhalt aber keineswegs abträglich ist.

Der erste Teil definiert wesentliche Elemente der Kognitionswissenschaft, erklärt die Grundzüge der für dieses Thema relevanten Theorien und beantwortet in den ersten drei Kapiteln folgende Fragen: Wie begreifen wir Sprache? Wie funktioniert politisches Framing? Was sind konzeptuelle Metaphern? Im Großen und Ganzen erhält der Leser hier alle wesentlichen Informationen, um zu begreifen, welche Auswirkung Sprache auf uns und unsere Mitmenschen beziehungsweise unsere Umwelt hat.

Eine wichtige Grundlage, um das Framing zu verstehen, ist die kognitive Simulation, welche im ersten Kapitel des Buches definiert wird. Immer, wenn wir ein Wort lesen oder hören, verknüpft unser Gehirn dieses automatisch mit „[…] im Gehirn abgespeicherten Erfahrungen mit der Welt“ (S. 24). Außerdem verweist Wehling auf eine Studie, die zeigt, dass unser Gehirn zusätzlich in der Lage ist, visuelle Szenen zu erzeugen (vgl. S. 26f.). Bei der Studie erhielten Probanden folgenden Satz: „Der Förster sah den Adler am Himmel“ (S. 27). Im Anschluss sollten die Teilnehmer der Studie Bilder erkennen, was zu bemerkenswerten Ergebnissen führte: Vielen Probanden fiel es leichter, einen Vogel mit ausgebreiteten Flügeln zu erkennen, als einen Vogel mit geschlossenen Flügeln. Grund dafür ist, dass bereits beim Lesen des Satzes eine visuelle Szene im Kopf entsteht, auf die die Probanden beim Erkennen der Bilder zurückgreifen können, was kurzum bedeutet, dass die visuelle Szene die Wahrnehmung der Probanden beeinflusst. Jeder sprachliche Ausdruck, den wir hören oder sehen, aktiviert demnach einen Frame. Wehling erklärt anhand der Verben „suchen“ und „schlagen“, dass das zweite eher mit dem Nomen „Hammer“ in Verbindung gebracht wird als das erste (vgl. S. 29). Dieses Verknüpfen lässt vermuten, dass wir unter anderem aufgrund unserer Erfahrung die Wörter „Hammer“ und „schlagen“ eher in Verbindung miteinander bringen. Frames wirken sich aber nicht nur auf die Wahrnehmung unserer Welt aus, hebt Wehling hervor, sondern können sogar unser eigenes Handeln beeinflussen. Zur Erläuterung zieht sie ein interessantes Experiment heran. Hier schätzten Teilnehmer, die einen Text über eine Schildkröte gelesen haben, im Anschluss das Tempo eines laufenden Mannes als langsamer ein, als Teilnehmer, die einen Text über einen Gepard gelesen haben (vgl. S. 32). Frames beeinflussen unser Wahrnehmen, unser Handeln und außerdem „[…] wie schnell wir Informationen aufnehmen“ (S. 34), formuliert Wehling. Die von ihr genannten Studien, Erklärungen und Beispiele lassen vermuten, dass unsere Wahrnehmung einzig durch Frames gesteuert und beeinflusst wird. Ohne die Bedeutung von Frames herabzusetzen, wäre es an dieser Stelle wünschenswert zu erwähnen, dass es weitere Faktoren gibt, die unsere Wahrnehmung beeinflussen. Denn die Beschaffenheit unserer Sinnesorgane, sowie Erwartungen spielen ebenso eine zentrale Rolle in der menschlichen Wahrnehmung und Meinungsbildung (vgl. Hobmair, S. 92).

Das zweite Kapitel wendet sich neben den rein kognitiven Erkenntnissen nun dem politischen Framing zu und definiert unter anderem kognitionswissenschaftliche Konzepte wie das Hebbian Learning und die Hyperkognition. Hebbian Learning bedeutet, dass Sprache dazu führt, dass bestimmte synaptische Verbindungen gestärkt werden (vgl. S. 57). Hyperkognition dagegen erklärt, dass etwas, das nicht gesagt wird, auch nicht gedacht wird; es werden keine Frames aktiviert und somit verkümmern synaptische Verbindungen (vgl. S. 64). Gleich zu Beginn wird der Leser mit der ernüchternden Tatsache konfrontiert: „Nur geschätzte 2 Prozent unseres Denkens sind bewusste Vorgänge“ (S. 43). Das bedeutet, dass wir den Großteil unserer Realität nicht rational begreifen und erst durch einen Frame in der Lage sind, einen Fakt zu verstehen. „Nicht Fakten,“ betont Wehling, „sondern Frames sind die Grundlage unserer alltäglichen sozialen, ökonomischen und politischen Entscheidungen“ (S. 45). Dabei bezieht sie sich unter anderem auf die Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman (vgl. S. 45). Um ihre Erklärung zu veranschaulichen, zieht sie ein Experiment heran, bei dem Probanden vor der Entscheidung standen, eine Operation durchzuführen oder nicht. Einigen Probanden erklärte man, dass das Mortalitätsrisiko bei zehn Prozent liegt, anderen dagegen sagte man, dass die Überlebenschance bei neunzig Prozent liegt. Die letzteren entschieden sich überwiegend für eine Operation, während die ersten sie ablehnten (vgl. S. 46). Das Experiment veranschaulicht, wie die Wahl einzelner Wörter den menschlichen Entscheidungsprozess lenkt, denn „[k]ein Wort“, so Wehling, „kann außerhalb von Frames gedacht, ausgesprochen und verarbeitet werden“ (Zeit, 07.02.2018). Was allerdings überrascht, ist, dass politisch Gebildete anfälliger für politisches Framing sind als politisch Ungebildete (vgl. S. 51). Dies liegt daran, dass politisch gebildete Menschen aufgrund ihres Wissens bereits viele vorgeformte Muster haben und so leichter auf die dazu passenden Frames zurückgreifen können. Außerdem erklärt Wehling, dass wir selbst, wenn wir etwas negieren, nicht verhindern können, dass der Frame des eigentlich Negierten im Gehirn aktiviert und somit gestärkt wird. Ein Beispiel, dass im Text erläutert wird ist folgende Anweisung: „Denken Sie nicht an Obamas graue Haare“ (S. 55). Ohne aktiv darüber nachzudenken, haben wir automatisch genau dieses Bild im Kopf.

Das dritte Kapitel thematisiert metaphorische Frames, die grundsätzlich wie Frames funktionieren, denn auch sie beeinflussen unser Denken, unsere Wahrnehmung und unser Handeln. „Abstrakte Konzepte des gesellschaftlichen und politischen Miteinanders“, erklärt Wehling, „werden über eine Anbindung an Konzepte des direkt Erfahrbaren geframet“ (S. 68). Diese Metaphern werden konzeptionelle Metaphern genannt und sie strukturieren „[…] ganz automatisch, ohne unser Zutun und weitgehend von uns unbemerkt, unser alltägliches Denken“ (S. 69). Einfache Metaphern wie zum Beispiel „oben und unten“ oder „heiß und kalt“ sind mit fest etablierten Denkweisen verbunden. Sie strukturieren und machen Abstraktes greifbar. Anhand der Metapher „Zuneigung ist Wärme“ stellt Wehling dar, wie Metaphern die Wahrnehmung anderer beeinflussen. Um dies zu verdeutlichen, weißt sie auf ein Experiment hin, bei dem „[…] Menschen, die kurz eine Tasse heißen Kaffee in der Hand halten, andere als signifikant freundlicher und großzügiger einschätzen als solche, die kurz ein kaltes Kaffeegetränk halten“ (S. 77f.). Hier überträgt sich also die rein physikalische Wärme des Getränks auf eine soziale Ebene. Körpernahe Frames sind besonders effektiv. Zusammenfassend sagt Wehling, dass man nicht verhindern kann Metaphern zu verwenden, aber man kann zu einem gewissen Grad beeinflussen, welche verwendet werden.

Im zweiten Teil präsentiert Wehling ausgewählte Frames aus aktuellen deutschen Debatten. Sie widmet sich problematischen Begriffen, die auch als manipulative Wörter bezeichnet werden, und untermauert diese durch den Einbezug zahlreicher Zeitungsartikel und Studien. Es wird ein weites Feld mit neun unterschiedlichen Themenfeldern abgedeckt: Steuern, Sozialstaat, Gesellschaft, Sozialleistungen, Arbeit, Abtreibung, Islam und Terrorismus, Zuwanderung und Asyl, Umwelt. Anhand von Frames zeigt sie auf, wie die Benutzung bestimmter Semantiken die politische Diskussion in eine bestimmte Richtung lenken können. Bei zahlreichen öffentlichen Auftritten und Interviews macht sie immer wieder klar: „Viele Begriffe sind nicht neutral! Das muss einem erst einmal bewusstwerden“ (Tagesspiegel, 03.02.2017).

Das vierte Kapitel widmet sich dem Thema „Steuern“. Die Wahl bestimmter Semantiken, so argumentiert Wehling, führt dazu, dass Steuerzahler oft mit Melkkühen in Verbindung gebracht werden, denn: Die Kuh gibt Milch und der Steuerzahler zahlt Steuern. Was bei der Debatte schnell außer Acht gelassen wird, ist, dass der Steuerzahler nicht wie eine Melkkuh ausgenutzt wird. Anstelle von „Steuern zahlen“, schlägt Wehling in einem Zeit-Interview vor, solle man eher von „Steuern beitragen“ (Zeit, 07.02.2018) sprechen. Sie kommt zu dem Schluss, dass Steuern grundsätzlich negativ konnotiert sind. Das liegt daran, erklärt Wehling, dass wir oft von „Steuerlast“ sprechen und so die eigentliche Funktion von Steuern in den Hintergrund gerückt wird. Die Folgen spiegeln sich in der generellen Einstellung zu Steuern wider. In unserer Gesellschaft ist es verbreitet, Steuern als Bedrohung wahrzunehmen. Dass Steuern ein wesentlicher Bestandteil unserer Demokratie sind, hält sie für besonders wichtig: Wir zahlen Steuern, „[…] weil wir uns so entschieden haben!“ (S. 100) Gemeint ist, dass in einer Demokratie Steuern auch abgeschafft werden könnten. Dies widerspräche aber dem Prinzip der Mitleidenheit.

Die Diskussion des Themas „Sozialstaat“ unter Kapitel fünf lehnt sich stark an das vorherige Kapitel an und ist redundant. Zum wiederholten Male werden Steuern thematisiert, was daran liegt, dass man dieses Kapitel nur schwer vom vorangehenden trennen kann. Bei dem Begriff „Steuereinnahmen“ schwingt oft die Semantik mit, dass der Staat als eine Art Dienstleister fungiert, welcher eine Leistung verlangt, um eine Gegenleistung zu bieten (vgl. S. 102). Wehling betont, dass Steuern von allen gezahlt werden, um dem Gemeinwohl zu dienen. Durch bestimmte Begriffe wird untergraben, dass es sich grundsätzlich vielmehr um eine gegenseitige Verantwortung als um einen einseitigen Dienst handelt.

Das sechste Kapitel befasst sich mit der Gesellschaft. Wehling weist darauf hin, dass sozial „stark“ bzw. „schwach“ einen Wettlauf-Frame suggeriert, den man gewinnt oder verliert. Verdient man viel und hat einen Beruf mit einem hohen Sozialprestige, ist man stark. Sie kritisiert die Wortwahl vehement, da ein hohes Einkommen nicht immer mit einer hohen Leistung in Einklang steht (vgl. S. 116). Ein weiteres Problem: „Wenn man jemandem hilft, hindert man ihn letztlich daran, selber stark zu werden“ (S. 115). Das heißt im Grunde, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist und genau das widerspricht dem Grundgedanken einer sozialen Gesellschaft. Diejenigen, die bei dem Wettlauf nicht mithalten können, werden abgehängt, vielmehr noch, sie verlieren vor allem in den Bereichen Bildung und Arbeitsmarkt (vgl. S. 111). Der Wettlauf ist ein Frame, bei dem es Gewinner und Verlierer gibt und genau dieser gedankliche Deutungsrahmen wird auf unsere Gesellschaft übertragen, kritisiert Wehling. Außerdem entsteht durch Wörter wie „Mittelschicht“ und „Abstiegsängste“ ein Vertikalitäts-Frame (vgl. S. 119), das heißt eine Einteilung in „oben“ und „unten“, welche „zur Aufwertung reicher Menschen und zur Abwertung armer Menschen“ (S. 120) führt.

Im siebten Kapitel analysiert Wehling „Sozialleistungen“. Dabei handelt es sich in Wehlings Worten bei dem „sozialen Netz“ um einen Begriff, der in diesem Kontext häufig verwendet wird und der zahlreiche Frames aktiviert, die suggerieren, dass es sich zum Beispiel bei Sozialleistungsempfängern um Menschen handelt, die durch riskantes Handeln in eine schwierige Situation geraten sind, nun von einem sozialen Netz aufgefangen werden müssen und zudem kann man „von Beginn des Falles an dem nicht mehr entgegenwirken“ (S. 122). Wehling wirft außerdem die Frage auf, ob soziale Sicherung zum Faulenzen einlädt (vgl. S. 124), denn genau das verbindet man mit dem Ausdruck „soziale Hängematte“ (S. 123), der häufig in diesem Diskurs genutzt wird.

Das achte Kapitel stellt den abstrakten Begriff „Arbeit“ dar, der viele unterschiedliche Bedeutungen haben kann. „Wir benutzen den Begriff immer stellvertretend, um einen bestimmten Aspekt von Arbeit zu benennen. Dieser kognitive Mechanismus heißt Metonymie“ (S. 131). Meist ist der Begriff „Arbeit“ jedoch an den Verdienst gekoppelt und genau das hinterfragt Wehling in diesem Kapitel. Aufwand und Leistung sollten sich im Verdienst widerspiegeln, so der Grundgedanke, doch in der Realität ist das falsch, kritisiert die Berkeley-Linguistin. In einem weiteren Unterkapitel macht sie darauf aufmerksam, was die Bezeichnungen „starkes“ und „schwaches“ Einkommen implizieren. Zuletzt widmet sich das Kapitel „Humanressourcen“ und „Humankapital“, die den Menschen, Wehlings Meinung nach, „vergegenständlichen“ und zum Objekt machen (vgl. S. 139).

Im neunten Kapitel geht es um „Abtreibung“. Wehling leitet das Thema ein, indem sie die gesetzliche Lage Deutschlands und Österreichs darlegt und diese mit anderen Staaten vergleicht. In Malta zum Beispiel ist eine Abtreibung unter jeglichen Umständen verboten. Sie weist darauf hin, dass sich der alltägliche Sprachgebrauch vom medizinischen bzw. juristischen unterscheidet. Nur rudimentär angesprochen werden dagegen die Gründe für die unterschiedlichen gesetzlichen Lagen. Besonders geht Wehling in diesem Kapitel auf den Begriff „unerwünschte Schwangerschaft“ ein und hinterfragt, welche Frames aktiviert werden. „Wenn wir von einer <unerwünschten Schwangerschaft> sprechen“, erklärt Wehling, „dann bezeichnet das Adjektiv demgemäß nicht wirklich den körperlichen Zustand des Schwangerseins, sondern es ist das Kind gemeint, das automatisch assoziiert wird, wenn wir den Schwangerschafts-Frame nutzen“ (S. 146). Die Autorin hebt hervor, dass das Thema tief mit moralischen Einstellungen verbunden ist und es unterschiedliche Konzepte gibt, nach denen zum Beispiel beurteilt wird, ab wann man von einer Schwangerschaft spricht.

Das zehnte Kapitel befasst sich mit „Islam und Terrorismus“. Gleich zu Beginn wirft sie folgende Frage auf: „In welchem Maße sind Einstellungen […] durch unseren Sprachgebrauch bestimmt?“ (S. 155) Wehling weist auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hin, aus der sie schlussfolgert, dass viele Deutsche und Österreicher einen Zusammenhang zwischen Muslimen und radikal-islamistischen Terroristen sehen. In den vergangenen Jahren hat sich der Begriff „Islamophobie“ in unseren Debatten etabliert, welcher automatisch sowohl Angst als auch Vermeidungsverhalten impliziert. Neben „Islamophobie“ sind „islamischer Staat“ und „Gotteskrieger“ weitere Begriffe, die sich in unseren Köpfen festgesetzt haben und allesamt einen „Prototyp des Islam“ (S. 166) bilden. Wehling beschreibt den Islam als contested concept, denn „das Konzept hat recht wenig allgemeingültige Bedeutung“ (S. 161).

„Zuwanderung und Asyl“ bilden einen weiteren Themenkomplex, der im elften Kapitel behandelt wird. „Flüchtlingswelle“, „Flüchtlingsstrom“ und „Flüchtlingsflut“ assoziieren frame-semantisch negative Gedankenverknüpfungen. Wehling schlussfolgert, wir „[…] übernehmen die semantische Rolle des Opfers“ (S. 174), da wir uns vor der Welle, dem Strom, der Flut schützen müssen. Somit werden die ankommenden Menschen oft als Bedrohung wahrgenommen (vgl. S. 175). „Und als letztes werden den Flüchtlingen Menschlichkeit, Gefühle und Individualität abgesprochen. […] Wasser hat keine Gefühle wie Angst, Verzweiflung, Schmerz oder Hoffnung“ (S. 175). Durch das Gegenüberstellen von allgegenwärtigen Frames, wie zum Beispiel „Flüchtlingswelle“ und „Flüchtlingsstrom“ stimmt sie den Leser nachdenklich und unterstreicht noch einmal, welche Konsequenzen die Verwendung bestimmter Semantiken haben kann. Die Zuschreibung dieser semantischen Rollen, wie in diesem Kapitel anschaulich dargestellt, beeinflussen ohne Zweifel die Wahrnehmung des öffentlichen Diskurses. In einem Interview mit der Zeit erklärt die Autorin das Wort „Flüchtling“: „Die Endung „-ling“ macht diese Menschen klein und wertet sie ab. Denn das Kleine steht im übertragenen Sinn oft für etwas Schlechtes, Minderwertiges“ (Zeit, 07.02.2018). Allerdings hat das Suffix -ling keineswegs immer eine negative Konnotation, wie die Wörter „Schmetterling“, „Lehrling“, „Liebling“, „Setzling“, „Zögling“ deutlich zeigen. Ergänzend sei auf Marlene Rummels Arbeit „Brisantes Suffix? Zum Gewicht von –ling im Konzept des Flüchtlings“ (2017) hingewiesen, die eine differenzierte Analyse zu diesem Phänomenbereich vorlegt.

Kapitel zwölf bildet den thematischen Abschluss des zweiten Teils und widmet sich der Umwelt. Zuerst weist Wehling darauf hin, dass „Klima“ und „Wandel“ zwei abstrakte Begriffe darstellen, wobei letzterer sogar neutral ist, denn „Dinge können sich sowohl zum Guten als auch zum Schlechten hin wandeln.“ (S. 181) Dieser Umstand kulminiert in einem Mangel an Deutlichkeit und Dringlichkeit, denn in diesem Kontext ist es geradezu fatal, von einem „Wandel“ zu sprechen, da dieser Frame der aktuellen Situation nicht gerecht wird. Wehling schlägt stattdessen „Klimaverschlechterung“ vor. An dieser Stelle wäre eine ausführlichere Darstellung, zum Beispiel über die framesemantischen Assoziationen, die dieses Wort auslöst, wünschenswert gewesen. Ihre Empfehlung rechtfertig Wehling in dem bereits erwähnten Zeit-Interview folgendermaßen: „Meine Sprache würde eine andere Sicht auf die Welt dokumentieren. Der Blickwinkel spielt in der politischen Sprache eine wichtige Rolle.“ (Zeit, 07.02.2018) Ob der von ihr genannte alternative Begriff neutral ist oder ebenso einen subjektiven Blickwinkel darstellt, regt zur Diskussion an.

Es folgt ein Schlusswort, welches auf anderthalb Seiten die wesentlichen Elemente des Werkes zusammenfasst und das Thema abrundet. Die Darstellung fällt leider etwas spärlich aus und begrenzt sich auf die Grundideen der Frameanalyse und eine knappe Inhaltszusammenfassung. Gemessen an der Vielzahl der besprochenen Aspekte hätte eine detaillierte Zusammenfassung vermutlich den Rahmen des Werkes gesprengt. Nicht zuletzt findet sich am Ende jedes Kapitels eine kleine hilfreiche Zusammenfassung der zentralen Aspekte. Überdies besticht das Schlusswort durch pointierte Anmerkungen, gerade in Bezug auf die von ihr analysierten etablierten Begriffe der aktuellen Diskurse, die zu einem „ideologischen Vakuum“ (vgl. S. 191) führen können, da sie „gesellschaftliche und politische Gegebenheiten aus einer bestimmten Weltsicht heraus“ (S. 191) präsentieren.

Mit Elisabeth Wehlings „Politisches Framing“ liegt eine Publikation vor, die einen gelungenen Einblick in die Frameanalyse bietet und diese von mannigfachen Seiten beleuchtet. Während der erste Teil der Arbeit an Theorien aus der Kognitionswissenschaft anknüpft, befasst sich der zweite Teil mit aktuellen politischen Themen. Die Erläuterungen im ersten Teil sind durch empirische Analysen untermauert und bieten so fundierte Antworten auf grundlegende Fragen der Kognitionslinguistik. Viele der kognitionswissenschaftlichen Fakten des ersten Teils des Buches sind nicht neu, aber im Kontext des politischen Framings sind sie neu verpackt und werden von der Autorin gekonnt eingesetzt und in einen sprachwissenschaftlichen Kontext gebracht. Der Mehrwert des Buches liegt daher vor allem im zweiten Teil, welcher detailgenau die Auswirkung von Frames auf unser gegenwärtiges politisches Geschehen bespricht. Wehling deckt eine Bandbreite an unterschiedlichen Bereichen ab und so ist die Lektüre keineswegs einseitig. Man könnte lediglich kritisieren, dass der zweite Teil im Vergleich zum ersten oft nicht ausreichend wissenschaftlich fundiert ist. Wünschenswert wäre außerdem eine detaillierte Ausführung über mögliche Lösungsvorschläge für eine differenziellere Kommunikation des Problems. Wehling wünscht sich mehr kritisches Hinterfragen, doch wie kann man dieses fördern? In einem Interview mit der Zeit sagt Wehling: „Mir geht es vor allem darum, dass wir Bürger uns im Alltag ab und an die Zeit nehmen, bei den wichtigen politischen Themen ganz gezielt darüber nachzudenken, welche Begriffe in aktuellen Debatten genutzt werden – zum Beispiel nach einer Talkshow oder nach der Lektüre eines Zeitungsartikels.“ (Zeit, 07.02.2018) Ein aktuelles Beispiel ist die unbedarfte Verwendung des Begriffs „gesundes Volksempfinden“ in der Sendung „Hart aber fair“ (ARD) zum Thema „Justiz – überlastet, überfordert, zu lasch?“, welche der ehemalige Bundesrichter Fischer äußerst kritisch als „kenntnisfrei“ bewertete, indem er den direkten Bezug zur NS-Justiz herstellte (MEEDIA, 22.02.2018). Wehling geht es vordergründig um die Steigerung des Sprachbewusstseins. Im Buch selbst wird diese Absicht leider nicht klar genug kommuniziert. Davon abgesehen sollte aber hervorgehoben werden, was die Monografie eigentlich leistet: Zweifellos trifft Wehling den Nerv der Zeit, was man nicht zuletzt an den zahlreichen medialen Reaktionen ablesen kann. Sie formuliert ihre Argumente klar, wobei sie eine enge Verbindung zwischen Kognition, Linguistik und Politik aufzeigt. Das Buch zeichnet sich durch einen hohen Erkenntnisgewinn aus, stellt für den Kontext eine sinnvolle Weiterentwicklung dar und regt zum Nachdenken an. Denn nicht Fakten bestimmen unsere Meinungen, sondern Frames und somit sollte am Ende des Buches jedem klargeworden sein: Sprache ist ein Instrument, mit dem man Menschen manipulieren kann und in dem politische Interessen verborgen sind oder sein können.

 

Literatur

Brost, Marc und Petra Pinzler: Vorsicht vor diesen Wörtern. In: Zeit, http://www.zeit.de/2016/10/sprache-manipulation-elisabeth-wehling, Datum des Zugriffs: 07.02.2018.

Eckert, Thomas und Joachim Huber: Wir gehen Trump immer noch auf den Leim. In: Tagesspiegel, http://www.tagesspiegel.de/medien/sprachforscherin-elisabeth-wehling-wir-gehen-trump-immer-noch-auf-den-leim/19345710.html, Datum des Zugriffs: 08.02.2018.

Fischer, Thomas: Kenntnisfreie „Fakten-Checker“ bei „Hart aber fair“: Plasberg und Bild strapazieren das „gesunde Volksempfinden“. In: MEEDIAhttp://meedia.de/2018/02/22/kenntnisfreie-fakten-checker-bei-hart-aber-fair-plasberg-und-bild-strapazierten-das-gesunde-volksempfinden/, Datum des Zugriffs: 09.03.2018.

Hobmair, Hermann. 2008, 4. Auflage. Psychologie. Troisdorf: Bildungsverlag Eins.

Linke, Angelika, Markus Nussbaumer und Paul R. Portmann. 2004, 5. Auflage. Studienbuch Linguistik. Tübingen: Niemeyer.

Rummel, Marlene. 2017. Brisantes Suffix? Zum Gewicht von „-ling“ im Konzept des „Flüchtlings“ (Sprache, Literatur und Kommunikation – Geschichte und Gegenwart 10). GEB, http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2017/13049/, Datum des Zugriffs: 09.03.2018.

Schmid-Petri, Hannah. 2012. Das Framing von Issues in Medien und Politik: eine Analyse systemspezifischer Besonderheiten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

 

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