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‚Passiv der Modalverben im Perfekt‘?

Wir haben im Deutschen interessante Phänomene zu analysieren und zu beschreiben, vor allem, wenn wir darüber nachdenken, wie komplexe Konstruktionen miteinander verschränkt sind.

In Lasch 2016 hatte ich mich zunächst mit den Nonagentiven Konstruktionen auseinandergesetzt, Lasch 2019 wird sich mit Negationen beschäftigen und derzeit ist ein Beitrag in Vorbereitung, der sich der Perfektlücke widmet — einem Phänomen, das, kurz gesagt, daraus resultiert, dass die Konstruktionen der ASKRIPTION mit sein (1) nicht oder nur sehr bedingt ins (Präsens- und Präteritum-)Perfekt gesetzt werden können (2), da sich dadurch die Bedeutung des Konstrukts massiv verschiebt und die Perspektivierung der Konstruktion der ASKRIPTION nicht aufrecht erhalten werden kann. Stattdessen wird im Sprachgebrauch signifikant häufig das Perfekt der Konstruktion der KOMMUTATION mit werden (3) gewählt (Asterisk gesetzt, da keine Belegdaten):

(1) Der Baum ist geschmückt.*

(2) Der Baum ist geschmückt gewesen.*

(3) Der Baum ist geschmückt worden.*

Im Hinblick auf ein semantisch motiviertes Konstruktikon des Deutschen wäre heute davon zu sprechen, dass in (2) und (3) die nonagentiven Konstruktionen der ASKRIPTION und KOMMUTATION in Konstruktionen der PERFEKTIVITÄT eingebettet werden. Diese Einbettung ist dann möglich, wenn die Perspektivierungsleistung der eingebetteten Konstruktion durch die einbettende Konstruktion nicht verschoben wird — was in (2) jedoch der Fall ist, weshalb im Sprachgebrauch tendenziell (3) gewählt wird, um (1) in einer veränderten Zeitkonzeptualisierung auszudrücken. Basal ist die Annahme, dass schematisierte Konstruktionen Konstruktionen niederen Abstraktionsgrades vollständig einbetten und selbst gestalthaften Charakter haben. Diese Einbettungen erfolgen also nicht ad hoc, sondern haben selbst Konstruktionsstatus.

Diese Zusammenhänge habe ich hier im Blog illustriert mit einer schematischen Abbildung zentraler Konstruktionen und deren Einbettungsverhältnissen bis zur Periphrase (alle betreffenden Überlegungen sind zusammengefasst unter dem Tag #BedeutungsFormPaar):

Das Postulat der Einbettung unterschiedlicher Konstruktionen auf verschiedenen Ebenen eines Konstruktikons wird — bleibt man bei Konstruktionen der PERFEKTIVITÄT und NONAGENTIVITÄT oder denen der MODALITÄT (und damit Phänomenen der Negation) — nicht auf die Probe gestellt. Anders jedoch sieht das bei der Verschränkung von Konstruktionen der PERFEKTIVITÄT und denen der FAKTIZITÄT aus:

(4) Er hat den Baum schmücken müssen.*

(5) Er hat den Baum schmücken gemusst.*

(6) Er muss den Baum geschmückt haben.*

Das perfektivierte Passiv der Modalverben

In (5) wird die Konstruktion der FAKTIZITÄT mit müssen in die Konstruktion der PERFEKTIVITÄT mit haben eingebettet. Der DUDEN bezeichnet z.B. im Kontext der Passivanalyse (wir würden hier von Konstruktionen der KOMMUTATION mit werden sprechen) Beispiel (7), siehe Abbildung, als „Perfekt“:

(7) Das Auto hat repariert werden müssen.*

Unabhängig davon, wie man zu dieser Bestimmung kommt (sie ergibt sich leicht daraus, dass man Präsens- und Perfektpartizip sowie den Infinitiv zusammenzieht und von einer „Infinitrektion“ bestimmter Verben spricht, DUDEN 4 2016: 433-436), so kann man zunächst postulieren, dass durch die Verschränkung zweier komplexer Konstruktionen wohl wahrscheinlich ist, dass sich sowohl Belege für (4) als auch (5) im Sprachgebrauch analysieren lassen müssten, da je nach Primat der Betonung der Integrität entweder der Konstruktion der PERFEKTIVITÄT (4) oder der Konstruktion der FAKTIZITÄT (5) in der kommunikativen Perspektivierung unterschiedliche Konstrukte erwartet werden können. Davon unbenommen ist noch die Frage, ob (4) und (5) synonym gebraucht werden können, was ich die ganze Zeit aber nur unterstellte.

Tatsächlich sind Belege wie (5) bspw. im KERN20-Korpus des DWDS selten, während Belege wie (4) das im Sprachgebrauch übliche Muster darstellen — gesucht wurde exemplarisch nur für die Verbzweitstellung. Zu klären ist die Frage, weshalb die Konstruktion der PERFEKTIVITÄT eine zentrale Eigenschaft, nämlich die der durch das Perfektpartizip angezeigten Abgeschlossenheit, zugunsten der Integrität der Konstruktion der FAKTIZITÄT nicht erzwingt (wie in den seltenen Belegen nach (5)) — Gründe könnten in der sprachhistorischen Konstruktionalisierung bzw. im Konstruktionswandel und/oder aber auch in der strukturellen Analogie zu Belegen wie (6) zu suchen sein.

Abgesehen davon stellen sich in Bezug auf (6) noch ganz andere Fragen. Hier wir eine Konstruktion der PERFEKTIVITÄT in eine Konstruktion der FAKTIZITÄT eingebettet, die dem Tempus nach präsentisch ist. Das kann zum einen als (weiteres) Indiz dafür gewertet werden, dass Konstruktionen der PERFEKTIVITÄT (d.h. Präsensperfekt, Präsensdoppelperfekt, Präteritumperfekt und Präteritumdoppelperfekt) von den Konstruktionen der TEMPORALITÄT (Präsens und Präteritum) zu scheiden sind. Zum anderen wird deutlich, dass (5) und (6) äußerst unterschiedliche Bedeutungen haben, sie nämlich entweder primär perfektiv (5) oder primär hinsichtlich der Markierung von Faktizität (6) zu unterscheiden sind — für Belege wie (6) ist ein Terminus bereits etabliert: Quotativ.

Belege wie (7) zeichnen sich jedenfalls durch eine komplexe Einbettungsstruktur aus: Eine Konstruktion der KOMMUTATION (das Auto wird repariert*) wird eingebettet in eine Konstruktion der (obligativen) FAKTIZITÄT (das Auto muss repariert werden*), diese in eine Konstruktion der PERFEKTIVITÄT (das Auto hat repariert werden müssen) in der unmarkierten Konstruktion der TEMPORALITÄT: Präsens. Diese konstruktionsgrammatische Modellierung gerät auch dann nicht in Erklärungsnot, wenn man das Konstrukt modalisiert: Das Auto muss wohl/nicht/wohl nicht repariert werden.* Denn: Die Konstruktion der MODALITÄT bettet dann ihrerseits die vorgenannten ein. Dadurch ergibt sich keine wie auch immer geartete Bedeutungsveränderung von müssen oder den anderen eingebetteten Konstruktionen, sondern sie werden unter Beibehaltung ihrer eigenen Perspektivierungsleistung durch die Konstruktion der MODALITÄT je spezifisch, wenn man so will, perspektivisch erweitert.

Um diese Einbettungsstrukturen transparent und nachvollziehbar zu machen, wird der Überblicksartikel zum semantischen Konstruktikon um folgende Grafik erweitert:

 

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